Über achtzig Jahre nach dem Tod der Dichterin Gertrud Kolmar (1894-1943) ist ihr bedeutendes Werk bis heute nur einem kleinen Kreis von Interessierten geläufig. Geboren wurde Gertrud Käthe Chodziesner, die sich erst später den pen name Kolmar zulegte, in Berlin in eine deutsch-jüdische weitverzweigte Familie, war eine Cousine der Philosophen Walter Benjamin und Günther Anders, und lebte zunächst ein äußerlich unspektakulär wirkendes Leben in materieller Sicherheit – bei persönlich leidvollen Erfahrungen. Das Schrecken ihres letzten Lebensjahrzehnts und ihr furchtbares Ende mit der Deportation nach Auschwitz, wo sich die Spur von Gertrud Kolmar verliert, hält keine Überlebensgeschichte bereit. Ein Teil ihres Werks überdauerte die Zeit vergraben in einem Garten – zu Lebzeiten wurden lediglich drei Gedichtbände von ihr veröffentlicht.Getrud Kolmars Lyrik weist eine hohe Sprach- und Formbeherrschung auf, die Verinnerlichung und Weiterverarbeitung literarhistorischer Vorbilder und Traditionen führte zu lyrischen Werkzyklen, die auf dem künstlerischen Zenit von erregender Modernität sind. Die früh schon vorgenommene Einreihung in die Dichtungstradition seit Hölderlin, Novalis, Rilke und Yeats, Vergleiche mit Annette von Droste-Hülshoff oder Emily Dickinson (J. Picard, 1955) suggerieren dabei eine Kontinuität, die notgedrungen da ihre Aufkündigung erfährt, wo die Poetologie Gertrud Kolmars aus einer Selbstbehauptung hervorgeht, die sich als Zeugnis der Erinnerung versteht.In diesem SE wollen wir uns der Biographie und dem lyrischen Werk Gertrud Kolmars nähern, Themen- und Motivkreise herausarbeiten und exemplarische Gedichtanalysen und -interpretationen vornehmen. Vorgesehen ist eine optionale Exkursion zum Wohnhaus der Familie in Falkensee-Finkenkrug, wobei eine Projektarbeit mit dem Museum Falkensee in Form einer studentischen Ausstellung oder Publikation avisiert ist.Erwartet wird neben der regelmäßigen Teilnahme eine Präsentation zu einem Gedicht / Gedichtzyklus.
Es wird ein Semester-Apparat eingerichtet. Biographien und weitere Publikationen zu Gertrud Kolmar werden zu Seminarbeginn besprochen.Grundlage: Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk. Hg. v. Regina Nörtemann. 3 Bde. Göttingen: Wallstein, 2003. (Originalausgaben: „Preußische Wappen“, 1927/28, Bln.1934; „Die Frau und die Tiere“, Bln. 1938; „Welten“ postum Bln.1947, „Das lyrische Werk“ hg.v. H. Kasack, Darmstadt 1955, „Das Wort der Stummen“, Bln/DDR 1978.)
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